Damals bei den Canes ...

In jenem gewittrig-schwülen August verlief das Leben der Eheleute Virginia und Harper Cane ganz anders als gewohnt. Sie konnten wegen eines Projekts in Harpers Firma nicht in Urlaub fahren. Außerdem waren sie kürzlich von der Stadt in ein renovierungsbedürftiges Landhaus gezogen, im weitläufigen Ort Angelwood. Während Harper jeden Tag in die Stadt zur Arbeit fuhr, wartete Virginia darauf nach den Sommerferien eine Stelle als Lehrerin in der Landschule antreten zu können. Die neue Nachbarschaft erwies sich in jeder Hinsicht als hilfsbereit und liebenswürdig und Virginia war bald überall gern gesehen. An einem Freitagnachmittag Mitte August war sie, wie die anderen jungen Frauen aus der Umgebung, zu einem Kindergeburtstag eingeladen. Während das Geburtstagskind und seine Freunde Eis aßen, spielten und von einem Clown unterhalten wurden, saß Virginia mit den Müttern am großen Tisch im Schatten eines Baumes, unterhielt sich, trank Kaffee und aß Kuchen. Die mitgebrachten Babys wurden stolz herumgereicht und bewundert. Schließlich wollten die Frauen von Virginia wissen, warum sie denn noch keine Kinder habe und Virginia wurde schmerzlich an diesen wunden Punkt in ihrem Leben erinnert. Nach weiteren gemütlichen Stunden, dem gemeinsamen Aufräumen und einem herzlichen Abschied fuhr Virginia nach Hause.
Harper kam am Abend von der Arbeit und sie setzten sich zum Essen in den Garten. Die Luft kühlte sich langsam ab, beide genossen ein Glas guten Wein. Virginia grübelte darüber, warum ihr Kinderwunsch nicht in Erfüllung gehen wollte. Um sich abzulenken, legte sie den Kopf in den Nacken und versuchte die Namen der Sterne zu erinnern, die inzwischen hell am Firmament blinkten. Da verglühte eine Sternschnuppe in der Atmosphäre. Jedes Kind weiß, dass Wünsche in solchen Augenblicken in Erfüllung gehen.
„Hast du das gesehen, Virginia?", fragte Harper und als sie ihm keine Antwort gab, fügte er hinzu: „Du darfst dir etwas wünschen."
„Hast du dir denn etwas gewünscht, Harp?"
„Ja."
„Was denn?"
„Du weißt doch, dass man es nicht sagen darf, da es sonst nicht in Erfüllung geht."
Nach einer Weile und einem weiteren Gläschen Wein gingen beide schließlich ins Bett und vergaßen ihre sehnlichsten Gedanken.
Am Samstagmorgen fuhr Harper mit Onkel Danny zum Angeln auf den See und Virginia suchte sich eine Beschäftigung. Der riesige Garten war übel verwildert und das Gras stand hoch. Virginia lieh sich einen Scherenmäher. Doch es war so viel Arbeit, dass Harper, als er mit zwei großen Fischen nach Hause kam, noch mithelfen musste, das Gras aufzuschichten. Beide waren am Abend redlich müde.
Der Sonntag begann mit einem gemütlichen Frühstück auf der Terrasse. Dann besuchten beide den Gottesdienst, wie es auf dem Land so üblich ist. Anschließend traf Virginia Vorbereitungen für ihr Lehramt und Harper löste ein Problem am Computer. Der Sonntag wurde noch schwüler als die vorangegangenen Tage. Am Nachmittag türmten sich bedrohlich Gewitterwolken am Rand des Sees. Der Wetterbericht kündigte für den Abend Hagel und Sturm an.
Als Harper und Virginia mit ihren Arbeiten fertig waren, assen sie draussen zu Abend. Der Himmel hatte sich gespenstisch verfinstert über Angelwood. Von nordwesten zog der gewaltige Rüssel eines Tornados über den See und eisig kalte Fallwinde zerrten am Vordach und rissen morsche Äste von den Laubbäumen. Harper hatte Jacken aus dem Haus geholt und sie beobachteten von ihrem sicheren Platz aus das schaurige Naturschauspiel und dachten an die armen hilflosen Menschen über die der Wirbelsturm mit seiner schrecklichen Gewalt noch hereinbrechen würde. Es hagelte und blitzte schließlich kurz und Donner war zu hören, aber dann war der Spuk vorbei. Im Westen zeichnete sich bereits wieder ein Streif Abendrot in die Düsternis. Zum stillen Ärger von Virginia entfaltete Harper seine dicke Wochenendzeitung. Gerne hätte sie sich noch ein Wenig mit ihm unterhalten, aber so grübelte sie schließlich darüber nach, ob es nicht nur ihre Einbildung war, dass da vorhin etwas schnurstracks vom Himmel gefallen war.
„Ich glaube da kam vorhin was von oben!“ sagte sie schließlich nachdenklich mehr zu sich selbst.
„Was? Wo? Ein Ast?“ Harper senkte seine Zeitung und blickte verständnislos.
„Kein Ast!“ , war sich Virginia plötzlich ganz sicher.
„Wo von oben? Nichts kann vom Himmel fallen! Die Flugzeuge sind so konstruiert, dass sie keine Teile verlieren!"
„Doch, ich hab's gesehen!", antwortete sie jetzt trotzig ihren Zweifel überspielend. „Da hinten!"
Sie erhob sich und Harper folgte skeptisch.
„Virginia, fängst jetzt auch du schon an UFO´s zu orten?"
Schließlich hatten sie den ganzen Garten abgesucht und Harper stellte zufrieden fest: „Da ist nichts!" und wandte sich wieder seinem Stuhl und den Börsennotierungen zu. Kopfschüttelnd registrierte er noch, wie sich Virginia durch den mannshohen Grashaufen wühlte.
„Komm schnell her!", rief sie aufgeregt und hielt etwas in die Höhe. „Nein, ruf' sofort den Notarzt!", korrigierte sie sich. Harper war das Theater seiner Frau unverständlich. Er faltete mit gehörigem Widerstand und in Zeitlupe die Zeitung zusammen und stemmte sich aus dem Stuhl. Jeder seiner langsamen Schritte war ein Protest dagegen vielleicht doch Unrecht gehabt zu haben.
„Mein Gott, es ist ja nass und eiskalt!", rief Virginia nun schrill und beugte sich über etwas, das sie aus dem Heu gezogen hatte.
Harper war sich sicher, dass seine Frau jetzt völlig übergeschnappt war.
„Wo kommt denn das her?", fragte er beim Nähertreten wie vor den Kopf geschlagen, als er seinen Irrtum erkannte. Aus einem altertümlich gehäkelten und mit Spitzen gesäumten Sack lugte das Gesicht eines Babys.

„Ich sagte dir doch, dass vorhin während des Sturms etwas runterfiel!"
„Es fallen doch bei uns keine Kinder vom Himmel, Virginia!"
Verzweifelt starrte er auf das verschnürte Bündel.
„Harper, wirst du jetzt sofort zum Telefon gehen und den Notarzt verständigen?"
Virginias Tonfall unterband jede weitere Diskussion. Er lief ins Haus und als er zurückkam, berichtete er mit zwei tiefen Sorgenfalten zwischen den Augenbrauen:
„Als ich die Sache erklärte, weigerte man sich zuerst sogar einen Rettungswagen zu schicken und drohte mit der Polizei, wegen Missbrauchs der Notrufnummer."
Virginia hatte die Schnüre geöffnet und den kleinen Körper aus dem Sack befreit. Sie bewegte seine Arme und Beine in alle Richtungen und hielt das Köpfchen an ihre Wange. „Ich glaube es atmet nicht! Eiskalt ist es! Aber gebrochen scheint nichts zu sein.“ Ihre Stimme war jetzt heiser vor Entsetzen und Trauer.
„Was sind das nur für Menschen, die ihr Kind in einem Heuhaufen aussetzen?", grübelte Harper depremiert.
Virginia drehte sich verärgert um: „Glaubst du ich spinne? Es kam von oben! Ich hab's ganz deutlich gesehen! Du liest doch ständig die Zeitungen und berichtest mir was ein Hurrikan alles anrichten kann. Lastwagen und Kühe wurden schon vom Rüssel der Wirbelstürme hoch geschleudert und wieder ausgespuckt. Meinst du ein Hurrikan macht vor so einem kleinen Wesen Halt?"
Harper fiel es jetzt wie Schuppen von den Augen! Die Vorstellung seine Frau könnte schon wieder einmal Recht haben war ihm trotzdem unangenehm.
„Wo bleibt denn der Arzt?", brummte er verärgert.
Virginia presste den Winzling an ihre Brust, um ihm Wärme zu spenden. „Wenn du sofort angerufen hättest, könnten sie schon hier sein!" Sie trug das Baby zum Tisch. Harper trottete mit dem altmodischen Wickelsack hinterher und sie betteten den zarten, leblosen Körper zwischen Schinken, Brot und Butter.
Von fern war das Wimmern der Krankenwagensirene zu hören. Harper eilte zur Strasse um die Helfer in Empfang zu nehmen. Der erste Blick des Arztes und des Sanitäters galt der geistigen Gesundheit dieses Mr. Cane. Harper sprach beherrscht gegen das offensichtliche Misstrauen der beiden Helfer an. Skeptisch, aber bestimmt, sagte der Arzt, als er sich dem Tisch näherte: „Wie immer das auch passiert ist, wir müssen die Polizei einschalten. Aber zuerst zum Patienten!"
Virginia machte Platz. Der Sanitäter klappte auf der Veranda die Notfalltasche auseinander. Der Arzt befühlte den Hals des Kindes. „Beatmungsgerät! Ein Milliliter Epinephrin!" Und dann wandte er sich ungehalten an die beiden: „Ich kann nur hoffen, dass Ihre Geschichte stimmt, sonst kann das böse für Sie enden! Haben Sie Decken im Haus? Und räumen Sie den Tisch ab, damit ich arbeiten kann!"
Harper und Virginia erledigten alles und warteten dann betreten schweigend und in gebührendem Abstand auf weitere Anweisungen. Die Nothelfer betteten den kleinen entkleideten Körper auf die Unterlage. Es war unübersehbar ein Junge. In ein Nasenloch schoben sie einen Beatmungsschlauch. Der Arzt zählte die winzigen Rippen und stach mit einer langen Spritze ein, um eine farblose Flüssigkeit zu injizieren. Dann drückte er rhythmisch mit seinen riesigen Händen auf den winzigen Brustkorb. Nach einer Weile unterbrach er, um den Puls zu fühlen. „Ich brauche das EKG!" Es wurde eine Elektrode angelegt und auf dem grünen Display des kleinen Gerätes war nur ein flache Welle zu sehen. Der Assistent hatte inzwischen den Sauerstoff angeschlossen. Beide arbeiteten schweigend und routiniert. Der Arzt versuchte immer wieder durch Druck das Herz zu motivieren.
Piep. Eine steile Zacke auf dem Display und verriet eine kräftige Reaktion des kleinen Herzens. Piep, piep.
Virginia und Harper schauten sich hoffnungsvoll an und fassten sich bei den Händen.
Piep, piep, piep, piep ... Virginia bekam feuchte Augen.
„Gib mir fünf!", sagte der Arzt zu seinem Assistenten und sie schlugen die Hände aufeinander. Aber gleich verdüsterte sich wieder ihr Blick.
„Jetzt sagen Sie uns endlich, was sie mit dem Kleinen angestellt haben. Sie haben ihn doch nicht in den Kühlschrank gelegt? Wie heißt das Kind? Ich benötige einen Namen für den Arztbericht!"
Harper kochte innerlich!
„Wir haben dem Baby nichts getan! Wir haben selbst kein Kind. Es fiel vom Himmel! Und wir wissen nicht, wie es geschah und haben keine Ahnung, wie der Kleine heißt! Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen!" Nach einer Atempause rief er heftig: „Kann es nicht sein, dass der Hurrikan das Kind irgendwo aufgenommen hat und hier fallen ließ? Denken Sie einmal darüber nach!"
Der Arzt stutzte: „Ich habe mir von Leuten, die ihre Partner verprügelt oder ihre Kinder misshandelt haben schon eine Menge Lügen anhören müssen, aber das übertrifft alles, Mr. Cane! Darum wird sich die Polizei kümmern müssen, das ist nicht mehr meine Aufgabe! Wir nehmen das Kind mit ins Krankenhaus. Ich hoffe für Sie, dass Ihre Geschichte stimmt!"
Es war ein Alptraum. Virginia und Harper standen aneinander geklammert vor dem Haus und schauten den Rücklichtern des Krankenwagens hinterher. Und sie standen immer noch da, als sich die Blinklichter des Polizeiwagens näherten und in die Einfahrt brauste.
„Sind Sie Mr. und Mrs. Cane?", fragte der Hüne mit den grauen Haaren, der sich mit seiner 45er und den Handschellen am Gürtel aus dem Wagen schälte.
"Ich bin Sheriff Ronstad. Meine Dienststelle wurde in Kenntnis gesetzt, dass sie einen Unfall mit einem Kleinkind gemeldet haben. Können wir uns irgendwo hinsetzen?"
Virginia wachte als Erste aus ihrer Erstarrung auf und ging voraus ins Haus. Man setzte sich in die Polstermöbel vor dem offenen Kamin. Der Sheriff lehnte das Angebot eines Kaffees ab und begann stattdessen sein Verhör, indem er einen kleinen Schreibblock und einen Stift aus seiner Brusttasche zog. „Da die vom Arzt erhaltene Mitteilung sehr unwahrscheinlich klang, muss ich Sie, Mr. und Mrs. Cane, aus formalen Gründen auf Ihre Rechte aufmerksam machen, für den Fall, dass Sie an der Begehung einer Straftat beteiligt waren: Sie haben das Recht zu schweigen. Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Alles, was Sie von jetzt an sagen, kann gegen Sie verwendet werden! Möchten Sie aussagen?“
„Ja.“
„Dann erzählen Sie, was sich ereignet hat."
„Wir wissen es nicht. Alles, was wir Ihnen sagen können, ist: Wir saßen gegen neun Uhr im Garten beim Abendessen, dann zog der Wirbelsturm über den See. Ich las nach dem Unwetter gerade die Zeitung und Virginia, meine Frau ..." An den Zuckungen der Gesichtsmuskeln des Polizisten war deutlich zu erkennen, dass er kein Wort glaubte.
„War das alles?", fragte er auf seine Notizen schauend? „Geben Sie mir Ihre Personalien und da ich Sie nicht kenne, sagen Sie mir wann Sie nach Angelwood zugezogen sind und von woher."
Sein unerbittlicher Blick durchbohrten Virginia und Harper. „Sie werden verstehen, dass wir Ihre Angaben überprüfen müssen und wenn etwas nicht stimmt, dann... Besser, Sie sagen jetzt die Wahrheit."
Harper machte alle Angaben und fügte noch kleinlaut hinzu. „Wir sind vor sechs Wochen aus der Stadt hier herausgezogen, weil wir der Meinung sind, die Voraussetzungen für eigene Kinder seien auf dem Land am besten. Glauben Sie wirklich, wir würden einem Kleinkind etwas antun?" Harpers Stimme hatte einen schrillen und hysterischen Tonfall angenommen.
Der Sheriff kratzte sich den Kopf. „Sie haben also keine Kinder?"
„Leider nein", antwortete Virginia verzagt.
„Und was sind Sie von Beruf?"
„Ich habe eine Stelle als Lehrerein an der hiesigen Mittelschule bekommen und mein Mann ist Softwareentwickler und Teilhaber der Firma MenticSilocon in Laketown. Schon von der Firma gehört?“ fragte sie nicht ohne Stolz.
„Kenn ich nicht – ich schreibe alles mit der Hand. Jetzt noch ein paar Fragen, aber überlegen Sie gut, was Sie antworten. Nochmal: Das war nicht ihr Kind?"
„Nein!"
„Haben Sie dieses Kind auf unrechtmäßige Weise in Ihren Besitz gebracht?"
„Um Himmels willen nein!!!"
„Sind Sie in irgendeiner Weise an dem Unfall des Kindes beteiligt, oder dafür verantwortlich?"
Harper wurde es zuviel und er antworte barsch: „Sie wissen jetzt, wie es passiert ist und stellen uns solche Fragen! Das ist ungeheuerlich! Meine Frau hatte die Vermutung, dass vielleicht durch den Hurrikan ..."
„Paperlapapp, Mr. Cane, das können Sie alles dem Richter erzählen, wenn ich meine Untersuchungen abgeschlossen habe. Sie werden doch zugeben, dass das sehr phantastisch klingt, was Sie mir da auftischen. Da kommt noch einiges auf Sie zu! Bei uns fallen, jedenfalls so lange ich hier Sheriff bin, keine Babys vom Himmel!" Sein Kopf wurde rot, als er dies sagte und dann wurde er wieder ganz geschäftsmäßig: „Kommen Sie morgen im Laufe des Tages zum Polizeibüro, um das Protokoll zu unterzeichnen. Beide!"

Für Harper und Virginia wurde es eine ungemütliche Nacht. Sie riefen im Krankenhaus an und erhielten die Auskunft, dem Baby ginge es den Umständen entsprechend gut. Als der Montag dämmerte, fragten sich beide ernsthaft, ob das auch wirklich alles geschehen und nicht nur ein Traum war. Harper schleppte sich müde zur Arbeit und traf am Nachmittag mit Virginia im Büro des Sheriffs zusammen.
Das Protokoll lag zur Unterschrift bereit. Der Hilfsheriff entließ sie mit den drohenden Worten:
„Wir sind bei unseren Nachforschungen auf kein vermisstes Kleinkind gestoßen! Das FBI hat sich eingeschaltet, da es sich hier möglicher Weise um ein Bundesvergehen handelt. Ich soll ihnen ausrichten, dass sie den Distrikt nicht verlassen dürfen, bis die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen sind."
Draußen standen ein Kameramann und ein Reporter von Best County TV: „Mr. und Mrs. Cane, dürfen wir Ihnen ein paar Fragen stellen? Die amerikanische Nation hat ein Recht zu erfahren, wie gefährlich Hurrikane sind!", bedrängte er sie und hielt Harper das Mikro unter die Nase. „Stimmt es, dass in Ihrem Garten ein Baby vom Himmel kam und Sie behaupten, es sei aus einem Hurrikan gefallen?"
„Ja, es stimmt! Das ist die einzige Erklärung, die wir haben", sagte Harper mit unsicherer Stimme und fragendem Blick in Richtung seiner Frau. „Wir saßen gestern gegen neun Uhr im Garten beim Abendessen, dann zog der Wirbelsturm über den See. Ich las nach dem Unwetter gerade die Zeitung und Virginia, meine Frau ..." Als Harper mit der Geschichte zu Ende war und Virginia noch einige Fragen beantwortet hatte, schwenkte die Kamera auf den Reporter und dieser beendete den Bericht wie gewohnt mit seinem Schlusswort: "Dies war William Goyer für Best County TV aus Angelwood und nun zur Werbung."
Bis zum Krankenhaus war es ein ganzes Stück. Schon am Parkplatz ahnten Virginia und Harper nichts Gutes. Dort standen bereits die Übertragungswagen von CNN, ABC und Channel 100. Der Gebäudekomlex lag in einem weitläufigen Park. Der Weg zur Kinderabteilung war ausgeschildert. Im Warteraum bedrängten die TV-Teams einen weiß bekittelten Herren.
„Stimmt es, dass behauptet wurde, das Kind sei durch einen Hurrikan geflogen?", fragte ein Reporter.
„Ist es möglich, dass ein Kleinkind so etwas überlebt?", bohrte ein anderer.
„Kann es sich auch um ein Verbrechen handeln?" „Wie alt ist das Baby?" „Hat man schon die Eltern des Kindes ausfindig gemacht?" „Wie geht es dem Kind, wird es überleben?"
Bei der letzten Frage trat Virginia etwas näher, um die Antwort des Arztes zu hören: „Nachdem das Kind gestern Abend eingeliefert wurde haben wir alle Lebensfunktionen geprüft und eine umfangreiche Untersuchung durchgeführt. Das Kind ist gut entwickelt und reagiert ganz normal. Anschließend wurde es von uns gebadet und gefüttert. Sein Appetit ist ausgezeichnet. Das einzig Auffällige sind Abschürfungen im Gesicht. Sonst gibt es keine äußeren oder inneren Verletzungen."
„Kennen Sie die Leute, die behaupten das Kind sei vom Himmel gefallen?", drängte sich eine junge Reporterin vor.
„Coon oder Cain ist der Name. Ich weiß nur vom Nachtdienst, dass es sich um ein Ehepaar handeln soll, das erst kürzlich nach Angelwood gezogen ist – kinderlos, wenn ich mich nicht irre."
„Können wir Aufnahmen von dem Baby machen?"
„Ich bedauere. Dazu bin ich nicht befugt. Sie müssen sich bitte an die Eltern oder den Untersuchungsrichter wenden!"
Es entstand eine hitzige Diskussion, dass der Arzt diese Entscheidung treffen müsse, wegen der noch nicht ausfindig gemachten Eltern, aber er weigerte sich.
Schon rannte das erste Fernsehteam hinaus. „Schnell nach Angelwood!"
Virginia entfernte sich unauffällig und nahm wieder in der Sitzecke neben ihrem Mann Platz. Der Arzt war im Begriff zu gehen, als er die beiden entdeckte und sehr freundlich fragte: „Kann ich etwas für Sie tun?"
Harper erhob sich: „Ich weiß nicht, ob es richtig war hierher zu kommen, aber wir wollten uns nach dem Wohlergehen des Kindes erkundigen."
„Welches Kind meinen Sie?"
„Verzeihen Sie, Cane ist mein Name – wir sind die Leute, in deren Garten das Kind gefallen ist."
Der Arzt trat einen Schritt zurück, um die fremde Frau und den Mann besser mustern zu können. „Kommen Sie in mein Büro." Er bot den beiden Sitzplätze an und schloss die Türe. „Was denken Sie sich eigentlich dabei eine solche Geschichte in die Welt zu setzen? Das geht nun schon den ganzen Tag so! Die Presse blockiert seit Mittag unser Telefon. Sie haben gesehen, wie man mir meine Zeit stiehlt. Warum sagen Sie der Polizei nicht die Wahrheit!"
„Sir!" Harper atmete einmal tief durch, „Sir, bitte! Uns ist die Sache nicht gerade angenehm. Meine Frau ist seit fünf Jahren Lehrerin und ich leite eine wichtige Abteilung in einer angesehenen Firma... Sir, bitte glauben Sie uns! Wir saßen gestern gegen neun Uhr im Garten beim Abendessen, dann zog der Wirbelsturm über den See. Ich las nach dem Unwetter gerade die Zeitung und Virginia, meine Frau ..." Als Harper endete, war er selbst im Zweifel darüber, ob seine Geschichte stimmte, da er sie schon so oft wiederholt hatte. Im Laufe des Gesprächs wurde der Arzt freundlicher und schließlich schüttelte er seinen Kopf und lachte: „So unglaublich es immer noch ist, aber ich möchte Ihnen helfen! Was wollen Sie?"
„Sie müssen wissen, meine Frau wünscht sich so sehr ein eigenes Kind, aber es will nicht klappen. Und gestern Abend habe ich ihre Sorge beobachtet. Wenn Sie mich fragen, das Kind konnte nur gerettet werden, weil Virginia so hartnäckig in unserem Heuhaufen grub, während ich schon wieder Zeitung las. Virginia möchte das Kind noch einmal sehen, ehe es von seinen Eltern abgeholt wird. Sicher wird man sie bald ausfindig machen."
„Sie bringen mich damit in Schwierigkeiten! Eigentlich darf ich das nicht. Aber, egal! Warten Sie hier.“
Der Arzt ging und kam mit einem kleinen Bettwagen wieder. Harper und Virginia beugten sich über das süsse Wesen, das entspannt schlummerte. Sie wollten sich schon abwenden, als sich die winzigen Finger bewegten, die Lider öffneten und sich ihre Blicke trafen. Auf dem Nachhauseweg bohrte die Frage in Virginias Kopf, ob es nicht doch ihre Einbildung war, das Baby habe ein braunes und ein blaues Auge gehabt.

Der Garten war zertrampelt und der Heuhaufen zerwühlt, als beide schließlich erschöpft und frustriert auf der Veranda in die Stühle plumpsten. Die Journalisten hatten ganze Arbeit geleistet. Man kann sich gut vorstellen, dass die nächsten Tage nicht einfach waren. Harper hatte seinen Job, aber Virginia war in Angelwood all den Gerüchten böser Leute hilflos ausgesetzt. Die Nachbarn wollten mit ihr nichts mehr zu tun haben und eine Frau fragte sogar: „Stimmt es, dass Sie ihr Baby zum Schlafen in den Kühlschrank legen?" und eine andere rief im Supermarkt an der Kasse „Mörderin!" Als Virginia an diesem Tag nach Hause kam, setzte sie sich an den Küchentisch und weinte.
Das Leben hatte sich von einer Minute zur anderen unerträglich verändert. Immer wieder erkundigten sich Virginia und Harper im Krankenhaus nach dem Kleinen. Die Wochen vergingen. Der Sheriff holte sie zu weiteren Vernehmung und sie fühlten sich wirklich wie Verbrecher. Nach und nach wurde die Zahl der Journalistenkontakte am Telefon und an der Haustüre geringer. Die größte Enttäuschung für Virginia war die Kündigung des Arbeitsvertrages, da Eltern meinten, sie würden ihre Kinder nicht von einer Mörderin unterrichten lassen.
Eines Abends im September genossen Virginia und Harper noch die letzten Strahlen einer untergehenden Herbstsonne auf der Veranda. Er durchforstete wie üblich die Aktiennotierungen, als das Telefon klingelte. Virginia wollte ihn abhalten den Anruf anzunehmen, aber er stand auf und ging ins Haus.
„Mr. Cane?", fragte die bekannte Stimme des Kinderarztes. „Sir, ich habe eine gute Nachricht für Sie. Ganz inoffiziell und vertraulich natürlich. Man ist gewillt die Ermittlungen gegen sie fallen zu lassen. Wir können das Kind nicht ewig hier behalten. Es hat mich einige Überredungskunst bei den Behörden und bei der Polizei gekostet. Man kann sich vorstellen, Ihnen das Kind in Pflege zu geben, nachdem Wissenschaftler ihre Version für möglich halten. Ich glaube Ihnen und ich bin der Meinung Ihnen dieses Angebot machen zu müssen, ehe andere Entscheidungen getroffen werden. Wenn Sie möchten, holen Sie das Kind ab. Eine Erklärung liegt zur Unterschrift bereit. Sie müssen dann natürlich noch zu den Behörden, um den üblichen Papierkram zu erledigen."
Als Harper Virginia von dem Angebot berichtete, erwachte sie aus ihrer Depression und sie fuhren sofort los. Es wäre ermüdend zu erzählen, was sie in den folgenden Wochen zu erledigen hatten, ehe der letzte Beamte das letzte Formular gestempelt hatte. Eine der Dienststellen war für den Namen des Kindes zuständig und als sie dort gefragt wurden, wie der Junge heissen soll, antwortete Virginia ohne zu zögern:
"Harry!"
"Harry, Frau Cane? Sind Sie sicher?"

Weitere Monate vergingen und nirgends wurde ein Kind vermisst. Virginia und Harper entschlossen sich einen Adoptionsantrag zu stellen, dem nach weiteren Monaten stattgegeben wurde. Harry hatte nun auch einen Familiennamen. In Angelwood jedoch wurde es für die Canes nie wieder so, wie zu Beginn. Der Mensch ist ein seltsames, rechthaberisches Herdentier und die feindselige Front wuchs, da keiner die Windsgeburt und den Himmelsturz glauben wollte. Seltsamerweise wurde Virginia gleich nachdem sie Harry ins Haus geholt hatten, wirklich schwanger. Neun Monate später wurde Sharleene geboren. Fast auf den Tag genau fünf Jahre blieben die Canes, ehe sie wieder in das grosse Laketown in eine schöne Terassenwohnung an der Baker Street zogen. Sie beabsichtigten, dass Harry und Sharleene in einem von Misstrauen unbelasteten Umfeld aufwachsen und zur Schule gehen konnten.

Harry entwickelte sich zur Freude seiner Adoptiveltern zu einem ganz normalen Jungen. Nur manchmal bekam sein blaufarbiges Auge einen so tiefen Ausdruck, dass man hätte darin ertrinken können und das kehlige Geräusch, das er ab und an von sich gab und das wie leises Schnarchen klang, amüsierte alle, die es hörten. Kurz vor ihrem Umzug in die Stadt brachte Harry eine kleine Schlange vom Wald mit nach Hause, die er zum Entsetzen aller nicht mehr hergeben wollte. „Sirpy“ taufte er das grün schillernde Reptil liebevoll.
Harper ging jeden Tag in sein Büro und verdiente massig Geld mit Software. Sharleene und Harry besuchten die Schule an der auch Virginia wieder Arbeit fand.



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